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Lesen ist nicht gleich lesen

Seit Jahren behaupte ich: Die Lektüre von Romanen als E-Book oder die von fachlichen Texten am Bildschirm bleibt mir gar nicht oder nur schwer im Gedächtnis haften. Das wird in meinem näheren Umfeld immer gerne belächelt. Nicht zuletzt, weil ich auch diejenige bin, die noch einen „analogen“ Kalender aus Papier mit sich rumschleppt, in dem ich mit Bleistift meine Termine koordiniere.

Da ich in der Agentur auch diejenige bin, die nicht bei jeder neuen technischen Entwicklung gleich Feuer und Flamme ist, sondern immer kritisch hinterfragt und oft auch abwartet, habe ich meinen Ruf weg. Damit kann ich zwar leben, aber frage mich natürlich dennoch, ob in meinen Gehirnzellen die Abteilung „Erinnerung Digital“ einfach fehlt oder was sonst kognitiv bei mir schief läuft.

analoger Kalender mit Tastaur und Maus im Hintergrund
Geschäftsführerin Katrin Möllers liebt ihren analogen Kalender.

Digitales versus analoges Lesen

Ich hatte es als Defizit für mich weitgehend akzeptiert. Bis mich eine wissenschaftliche Studie, auf die ich unlängst gestoßen bin, aufgerüttelt hat und mich nun doch dazu gebracht hat, mich zu wehren. Und dem ganzen einen Blogbeitrag zu widmen. In der sogenannten „Stavanger Erklärung“– dem Ergebnis einer Konferenz von 130 europäischen Leseforschern, die letzten Herbst in Norwegen stattfand – heißt es nämlich, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen analogem und digitalem Lesen gibt.

Die FAZ fasst zusammen: „Die Forschung zeigt, dass Papier weiterhin das bevorzugte Lesemedium für einzelne längere Texte bleiben wird, vor allem, wenn es um ein tieferes Verständnis der Texte und um das Behalten geht. Außerdem ist Papier der beste Träger für das Lesen langer informativer Texte. Das Lesen langer Texte ist von unschätzbarem Wert für eine Reihe kognitiver Leistungen wie Konzentration, Aufbau eines Wortschatzes und Gedächtnis.“

HA! So!

Konzentriertes Lesen am Bildschirm ist nicht möglich

Aber so eindimensional ist die Thematik natürlich nicht. Was jedoch unbestritten ist – das zeigt die Studie eindeutig – ist die Tatsache, dass Papier auch mit zunehmender Digitalisierung noch lange nicht ausgedient hat. Aber auch, dass sich das Lesen bzw. das Leseverhalten verändert hat: Wir müssen uns zukünftig auf die verschiedenen Anforderungen einstellen. Der Vorteil der digitalen Texte liegt ganz klar in der Fokussierung auf die Bedürfnisse des Lesers. Was am Bildschirm jedoch ganz klar der Fall ist: Wir neigen hier zum Überfliegen der Texte, zum Fragmentieren, weil wir unsere Verständnisfähigkeit überschätzen, so die Psychologen.

Ich habe auch schon gehört, dass daher wieder viele Universitäten die Rückkehr zu Papier vollzogen haben. Besonders schwierig wird es, wenn es ins Pädagogische geht. Wer lesen lernt, muss das konzentrierte Lesen lernen. Das ist aber bei zunehmender Digitalisierung der Schulen momentan noch ein Problem, weil es genau für diese Problematik noch keine geeigneten Tools gibt. Das „tiefe Lesen“ am Bildschirm ist noch nicht wirklich möglich.

Sag mir, wie Du sitzt und ich sage Dir, wie Du liest

Interessant an der Studie ist auch, dass sie sich mit Körperhaltungen beim Lesen beschäftigt. Die Frage nach der „embodied cognition“ ist demnach ebenfalls maßgeblich. Denn unser Körper liest und denkt mit. Er ist sogar ein wesentlicher Teil des Verstehensprozesses, was bedeutet, dass die Haltung beim Lesen für die Konzentration nicht unerheblich ist. Man kennt das ja (und ich besonders): Sitzt man in einer überfüllten Bahn und will auf dem kleinen Smartphone-Display in gebückter Haltung etwas lesen, bleibt vom Sinn des Textes wenig haften. Also ich nehme mit: Lesen am Bildschirm sollte vorzugsweise aufrecht und in ruhiger Atmosphäre geschehen. Und große Monitore sind besser als Tablets.

Aber dann enthält die „Stavanger-Erklärung“ eine Passage, in der die Fachleute den Romanlesern beruhigend mit auf den Weg geben, dass man sich in seinem Lesesessel entspannt zurücklehnen und genießen könne. Denn bei der Lektüre von erzählenden Texten sei es ganz egal, ob man sie als Buch oder E-Book liest.

Warum auch die Roman-Inhalte, die ich digital gelesen habe, weniger in meinem Gedächtnis verankert sind, bleibt dennoch ein kleines Mysterium.

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